Sind das jetzt gute Nachrichten oder schlechte? Am besten erst mal an die Fakten halten: Während bei fast allen Zeitungen und Magazinen die Auflagen sinken, tauchen in der Mode plötzlich „newspaper prints“ auf. Allen voran bei der kommenden Frühjahrskollektion von Balenciaga, wo Kreativdirektor Demna Gvasalia ein mit Zeitungsmuster bedrucktes Twin-Set plus eine ebensolche Bluse auf dem Laufsteg zeigte. Bei Helmut Lang hielten sich einige Models scheinbar zusammengerollte Zeitungen vors Gesicht, die sich bei genauerem Hinsehen als zusammengerollte bedruckte Handtaschen herausstellten. Und dann war da noch Raf Simons, der für Calvin Klein T-Shirts und Kleider entwarf, auf denen ein Newsweek-Artikel über das „Tunafish Disaster“ zu sehen war. Zwar handelt es sich um ein Zitat des gleichnamigen Warhol-Werkes von 1963, aber die Botschaft, die bei den meisten hängen bleibt, ist ja trotzdem: nächste Saison – Bleiwüste auf der Brust.
Schon die Designerin Elsa Schiaparelli druckte 1935, in Anlehnung an Picassos „Paper Collages“, eine Melange aus Presseartikeln auf Kleider und Krawatten – Artikel über sich selbst, wohlgemerkt. In den Sechzigern und Siebzigern war der Newspaper-Print ein häufiges und beliebtes Motiv. Kennen werden die meisten aber vor allem den Skandal um John Galliano, der im Januar des Jahres 2000 Kleider mit Zeitungsmuster für Dior-Couture entwarf – und zwar nicht, weil er so ein eifriger Le Monde-Leser gewesen wäre, sondern weil die Obdachlosen an der Seine, die auf Zeitungen schliefen oder sich damit zudeckten, ihn dazu inspiriert hatten.
Der Aufschrei war entsprechend groß, weshalb Galliano, immer gut für einen Eklat, in der darauffolgenden Prêt-à-porter-Kollektion gleich noch einmal nachlegte und haufenweise Kleider, Jacken und Seidenhosen mit Versatzstücken der fiktiven Postille Christian Dior Daily sowie seines Konterfeis bedrucken ließ.
Sind die Neuauflagen jetzt also nur historische Referenz? So einen „Hatten wir lange nicht mehr, kann man mal wieder machen“-Reflex nach zu viel Blumenmuster? Der entscheidende Unterschied zwischen früher und heute ist ja leider dieser: Damals waren Zeitungen ein Alltagsgegenstand aus der Mitte der Gesellschaft. Jetzt sind sie ein Alltagsgegenstand, dem in der jungen Zielgruppe, welche die Mode am liebsten anspricht, angeblich immer weniger Bedeutung beigemessen wird.
Womöglich lässt sich die Sache aber noch anders erklären. Denn so digital und flüchtig sich unsere Welt einerseits gibt, wenn es ans Eingemachte geht, landen selbst Social-Media-Stars wie Taylor Swift wieder beim alten Blocksatz. Auch ihr Cover zum Album „Reputation“, das Anfang November erscheint, überrascht nämlich mit einer Zeitungsoptik voller verschnörkelter Gothic-Lettern. Der Titel ist eine Anspielung auf ihren guten Ruf, der angeblich von Kanye West und Kim Kardashian beschmutzt wurde – interessanterweise eben nicht in den Zeitungen, sondern in Social Media. Twittervögelchen und Facebook-Timeline machen aber offensichtlich weder auf T-Shirts noch als Plattengestaltung viel her. Außerdem benutzte ja auch eben jener Kanye West gerade wieder die Gothic-Schrift für seine Werbeartikel. Also lieber echte Typo, am besten ganz viel davon, denn das signalisiert immer noch: Jetzt wird’s ernst! Zumindest optisch gesehen bleibt die Zeitung (in Mode und Popkultur) unangefochtenes Leitmedium.
Nur dass ihre jungen Fans tatsächlich anfangen wollen zu lesen, damit rechnet Swift offensichtlich nicht. Die Textblöcke sind lediglich eine endlose Aneinanderreihung ihres Namens. Bei Taylor Swift geht es immer nur um Taylor Swift.

